Peter Scholl-Latour Forum
Mit aktuellen News des Tages.


#1

Nahost-Experte Peter Scholl-Latour im PNP-Interview: 22.05.2007

in Peter Scholl-Latour im Interview. 11.07.2007 01:13
von Bullway • 771 Beiträge

Nach dem Anschlag in Afghanistan: Ist eine neue Strategie der Bundeswehr nötig?
Scholl-Latour: Der tragische Tod der drei deutschen Soldaten ist keine Wende. Es gab schon mehrere Anschläge. Wir hatten bisher einfach nur Glück, dass es nicht zu mehr Toten gekommen ist. Mir hat allerdings noch keiner erklärt, was überhaupt die vorherrschende Strategie sein soll - es gibt keine. Die Truppen verschanzen sich die meiste Zeit in ihren Festungen. Die deutschen Polizeioffiziere, die afghanische Polizisten ausbilden, schweben in Lebensgefahr, sobald sie ihre Basen verlassen. Die Amerikaner, die den Großteil dieser Ausbildung leisten, haben dafür nicht einmal ihre eigenen Polizisten geschickt, sondern Söldner verpflichtet. Die bringen den Afghanen bei, wie sie schießen können, sonst nichts. Das ist eine Gefahr für die Sicherheit.
Sinkt der Rückhalt der Deutschen in der afghanischen Bevölkerung?
Scholl-Latour: Eine Freundschaft kann nicht zu lange strapaziert werden. Ein Führer des Aufstandes hat mir gesagt: „Wir mögen die Deutschen ganz gern. Aber wenn sie das Bonbon sind, das uns die Präsenz der Amerikaner versüßen soll, dann werden sie eben auch zu unseren Feinden.“ Afghanistan befindet sich heute weitgehend im Chaos, auch wenn die Lage systematisch schöngeredet wird. Das ganze militärische Engagement macht keinen Sinn mehr. Die Afghanen müssen ihre Kämpfe untereinander austragen, da können wir nicht vermitteln. Es ist eine blödsinnige Idee, überall als Friedenstifter auftauchen zu wollen. Wir haben keine Verpflichtung, Afghanistan das Heil zu bringen. Die Amerikaner diskutieren über einen Abzug aus dem Irak - da werden wir doch den Abzug aus Afghanistan ins Auge fassen dürfen, bevor noch mehr Soldaten umgebracht werden.
Wird zu wenig gegen den Drogenanbau getan?
Scholl-Latour: Es wird gar nichts unternommen. Der Drogenanbau hat im vergangenen Jahr um 40 Prozent zugenommen. Wer dagegen vorgeht, fordert die Warlords heraus - und wenn die zuschlagen, ist es mit der Präsenz der ISAF-Truppen in Afghanistan vorbei. Auch die Umgebung von Präsident Hamid Karsai, sogar seine Verwandtschaft, profitiert vom Drogenanbau. Das so genannte Parlament ist von Drogenhändlern und Warlords durchsetzt. Selbst in der Regierung sitzen Mörder und Verbrecher. Herr Karsai ist ein vernünftiger Präsident, aber er ist völlig isoliert. Geht er alleine auf die Straße, ist er ein toter Mann.

Interview: Martin Rücker


___________________________________________________________

Wissen ist Macht aber nichts zu wissen macht für die Meisten nichts.

nach oben springen


http://www.peter-scholl-latour-forum.de

.


Besucher
0 Mitglieder und 1 Gast sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: Red Knight
Forum Statistiken
Das Forum hat 626 Themen und 1127 Beiträge.

Xobor Forum Software von Xobor.de
Einfach ein Forum erstellen