Peter Scholl-Latour Forum
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Scholl-Latour: "Deutschland ist jetzt am Hindukusch gefährdet". Interview im Abendblatt am 21.05.2007

in Peter Scholl-Latour im Interview. 11.07.2007 01:02
von Bullway • 771 Beiträge
Das Abendblatt befragte den Publizisten, Reporter und Experten für die islamische Welt, Peter Scholl-Latour, zu den Folgen des Anschlags in Kundus:

ABENDBLATT: War es absehbar, dass Deutsche nach der Verstärkung ihres militärischen Engagements in Afghanistan auch verstärkt zur Zielscheibe von Terroristen werden?
PETER SCHOLL-LATOUR: Ich würde keinen Zusammenhang zwischen der Verstärkung des militärischen Engagements und dem Attentat herstellen. Mit einem Attentat war zu rechnen. In dem Moment, wo der deutsche Einsatz im Rahmen der Nato mit amerikanischem Oberbefehl stattfindet, ist das für die dortigen Aufständischen ein vorgegebenes Ziel.
ABENDBLATT: Hat man sich selbst belogen, indem die Bundeswehr unterschieden hat zwischen dem zivilen Einsatz zum Wiederaufbau im Norden des Landes und dem Kampfeinsatz im Süden?
SCHOLL-LATOUR: Das war eine grobe Lüge. Wir können ja schon schwer auseinanderhalten, was Isaf ist und was Enduring Freedom, abgesehen davon, dass sich das auch manchmal überschneidet. Und von einem Afghanen kann man das erst recht nicht verlangen. De facto ist durch die Unterstellung unter den gemeinsamen Nato-Befehl, der von einem Amerikaner ausgeübt wird, eine Zusammenlegung passiert. Dies hätte im Bundestag ernsthaft diskutiert werden müssen.
ABENDBLATT: Bisher galt der Norden anders als der Süden als ruhig. Ein Trugschluss?
SCHOLL-LATOUR: Im Grunde ist es ein Wunder, dass bisher noch nicht mehr passiert ist. Es haben schon viele Angriffe stattgefunden. Als ich zuletzt in Kundus war, ist kurz zuvor eine Granate an einem Ort eingeschlagen, wo gerade eine Großveranstaltung zu Ende gegangen war. Nur darum ist niemand umgekommen. Dennoch ist der Norden ruhiger als der Süden, denn die Taliban rekrutieren sich vor allem unter dem Volk der Paschtunen, die das Herrschaftsvolk in Afghanistan gewesen sind. Im Norden leben Tadschiken, im Grunde Perser, die im Konflikt mit den Taliban und insofern potenzielle Verbündete waren - aber nur auf Zeit.
ABENDBLATT: Wird, wie Ex-Verteidigungsminister Struck sagte, Deutschlands Sicherheit am Hindukusch verteidigt?
SCHOLL-LATOUR: Ich sehe Deutschland jetzt am Hindukusch gefährdet.
ABENDBLATT: Soll nun der Einsatz abgebrochen werden?
SCHOLL-LATOUR: Wenn die Amerikaner, Republikaner und Demokraten, darüber diskutieren, dass man den Krieg im Irak beenden muss, und wenn der Vorsitzende des US-Senats über den Irak-Krieg sagt, "the war is lost", dann können die deutschen Abgeordneten nicht weiter so tun, als könnte man in Afghanistan einen Sieg erringen. Das ist grotesk.
ABENDBLATT: Ist der Krieg in Afghanistan also auch verloren?
SCHOLL-LATOUR: Er kann nicht gewonnen werden. Und man braucht nicht abzuwarten, bis eine Situation erreicht ist, die ebenso aussichtslos oder verlustreich ist wie die im Irak.
ABENDBLATT: War der gesamte Einsatz ein Fehler?
SCHOLL-LATOUR: Es war richtig und selbstverständlich, dass man damals nach dem Angriff auf das World Trade Center Solidarität mit den Amerikanern bekundet hat. Aber inzwischen geht es gar nicht mehr um al-Qaida. Die Organisation hat ihre Schwerpunkte nicht mehr in Afghanistan. Die Al-Qaida-Kämpfer sind ja ursprünglich von Osama Bin Laden für den Krieg gegen die Russen rekrutiert worden. Das dürfen wir nicht vergessen. Diese Leute waren nie beliebt bei den Afghanen und spielen keine Rolle mehr. Sie sitzen teilweise im Grenzgebiet zu Pakistan und sind Tschetschenen, Usbeken oder Araber. Die Taliban selbst aber sind reine Afghanen, die mit diesen Leuten nichts zu tun haben wollen. Al-Qaida hat aber eine fabelhafte Plattform, auch um Kämpfen zu lernen: Und das ist der Irak.
ABENDBLATT: War es ein Fehler, das westliche Demokratiemodell in diese Länder exportieren zu wollen?
SCHOLL-LATOUR: Das war nicht nur ein Fehler, sondern völliger Blödsinn.
ABENDBLATT: Wie ist die Perspektive im weltweiten Kampf gegen den Terror?
SCHOLL-LATOUR: Das gesamte Konzept ist falsch. Darauf hat zu Recht der amerikanische Sicherheitsberater Brzezinski hingewiesen. Terrorismus ist kein Gegner. Terrorismus ist eine Methode des Kampfes, und zwar für die Schwachen und Minder-Bewaffneten. Das muss man schon richtig definieren.

erschienen am 21. Mai 2007

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zuletzt bearbeitet 11.07.2007 01:09 | nach oben springen


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