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#1

Fatah vs. Hamas, wie entstanden die Organisationen.

in Naher und mittlerer Osten. 14.06.2007 03:12
von Bullway • 771 Beiträge

Al-Fatah:

Am 10. Oktober 1959 wurde sie als Guerillaorganisation von Jassir Arafat zusammen mit Salah Chalaf, Chalil al-Wazir und Faruq Kadumi in Kuwait gegründet. Die Fatah sah im bewaffneten Kampf ein geeignetes Mittel, um die palästinensische Unabhängigkeit zu erreichen. Ende 1964 verübten Fatah-Kommandos erste Anschläge in Israel. In den Folgejahren operierten die Freischärler hauptsächlich von Jordanien aus, verübten Bombenattentate und legten Hinterhalte. Die israelische Regierung reagierte mit der Sprengung von Häusern, die Fatah-Kämpfer beherbergten, und der Ausweisung von Unterstützern. Zwischen Juni 1967 und Dezember 1968 kamen dabei über 600 Palästinenser, über 200 israelische Soldaten und 47 israelische Zivilisten ums Leben.
Einen Wendepunkt in der weiteren Entwicklung stellte die Schlacht von Karame dar. Die israelische Strafexpedition nach Karame (Jordanien) kostete zwar 124 Freischärlern, davon 91 Angehörigen der Fatah, das Leben, aber die Verluste auf israelischer Seite waren ebenfalls hoch. In der arabischen Welt wurde die Schlacht als großer Sieg gefeiert, der die, seit der Niederlage im Sechstagekrieg angeschlagene, arabische Ehre wiederherstellte. Die Schlacht bestätigte Fatah in ihrem eingeschlagenen Weg und leitete die Machtübernahme in der PLO ein. Im Juni 1968 wurden die Mandate der PLO neu verteilt, wobei nun die verschiedenen Widerstandsbewegungen die große Mehrheit bildeten. Die Fatah avancierte zur stärksten Fraktion der PLO, und im Februar 1969 wurde der Fatah-Chef Arafat zum Vorsitzenden der Organisation gewählt. Die PLO war damit von einer unter der Ägide Nassers gegründeten Organisation zum Forum der palästinensischen Nationalbewegung geworden. Dennoch wurde sie, wie auch die Sache der Palästinenser im Allgemeinen, weiter von den arabischen Staaten für ihre Zwecke instrumentalisiert.
In den Jahren 1970 und 1971 kam es in Jordanien zu schweren Zusammenstößen zwischen den Truppen Husseins und der Fatah/PLO, die schließlich in der vollständigen Vertreibung der Freischärler mündeten. Als neue Basis im Kampf gegen Israel diente nun der Libanon, vor allem sein Süden. Als Israel 1982 in den Libanon eindrang, zerstreute sich die Gruppe in verschiedene Staaten: Tunesien, Jemen, Algerien, den Irak und andere.
Oberstes Ziel der Fatah war die „komplette Befreiung Palästinas und die Vernichtung der ökonomischen, politischen, militärischen und kulturellen Existenz der Zionisten“ (Artikel 12). Dieser Artikel war einer der wichtigsten Hinderungsargumente radikaler Gruppen innerhalb der Fatah gegen das von Jassir Arafat unterzeichnete Interimsabkommen über das Westjordanland und den Gazastreifen. Danach soll laut Programm ein unabhängiger demokratischer Staat mit vollständiger Souveränität auf dem Gebiet ganz Palästinas entstehen.

Die Hamas:

Die Entstehung der Hamas fällt mit der 1. Intifada zusammen. Die Muslimbruderschaft, als die wichtigste islamistische Bewegung in Gaza (und in Einschränkung im Westjordanland), hatte sich weitestgehend gewaltsamer Aktionen gegen Israel enthalten. Der politisch-karitative Arm der Hamas wurde in dieser Zeit von Israel anerkannt. Einige Forscher, wie etwa Abu-Amr, mutmaßen, dass Israel die Hamas (bzw. ihre Vorgängerin) gewähren ließ (freilich ohne sie direkt zu unterstützen), nicht nur, weil sie nicht als Gefahr eingeschätzt wurde, sondern auch, um sie der weltlichen Fatah-Bewegung Yassir Arafats entgegenzusetzen.
Die Gruppe enthielt sich während der siebziger Jahre und der frühen achtziger Jahre der "hohen" Politik und konzentrierte sich auf moralische und soziale Hilfe, wie etwa Angriffe auf die Korruption, sie versuchte Vertrauen aufzubauen und organisierte Gemeinschaftsprojekte. Diese Beschränkung stand jedoch ihrer Etablierung als massenattraktive Bewegung entgegen.
Die Situation änderte sich mit dem Ausbruch der Intifada. Zum ersten Mal beteiligte sich die Muslimbruderschaft aktiv am gewaltsamen Kampf und gründete dezidiert aus diesem Grund die Hamas, die sich aus ihren eigenen Reihe rekrutierte. Hinter der Entwicklung zur Gewalt, die Mitte der 1980er Jahre einsetzte, stand Scheich Ahmad Yasin. Diese Wandlung, mit der ein wachsender politischer Einfluss einherging, gilt als die eigentliche Geburtsstunde der Hamas.
Am 14. Dezember 1987 veröffentlichte die Bruderschaft eine Erklärung, die die Bevölkerung zum "Widerstand gegen die israelische Besatzung" aufrief und die israelischen Geheimdienste beschuldigte, die Moral der palästinensischen Jugend zu unterwandern und sie als „Kollaborateure“ anzuwerben. Im Januar 1988 erschien erstmals ein Flugblatt, das den Namen der Organisation als "Hamas" verkündete. Im selben Monat übertrug Yasin Scheich Jamil Hamami die Leitung der Hamas im Westjordanland. Die Hamas fing mit „Bestrafungen gegen Kollaborateure“ an; die Entwicklung ging dann über Angriffe gegen das israelische Militär schließlich zu gezielten terroristischen Anschlägen gegen Zivilisten. Wie ihre Methoden hat sich auch ihre Rhetorik in den letzten dreißig Jahren geändert und besagt nun, israelische Zivilisten seien – aufgrund der Wehrpflicht – „militärische Ziele“.
Entsprechend dem halboffiziellen historiographischen Dokument Wahrheit und Bestehen über die Hamas durchlief diese vier Hauptstadien:

1. 1967-1976: Aufbau der Muslimbruderschaft im Gazastreifen.
2. 1976-1981: geographische Expansion durch Teilnahme an erfahrenen Gruppierungen im Gazastreifen und im Westjordanland und Gründung von Einrichtungen, z.B. al-Mudschamma' al-islāmi, al-Dscham'iyya al-islāmiyya und der islamischen Universität in Gaza.
3. 1981-1987: politischer Einfluss durch Einführung von Handlungsmechanismen und der Vorbereitung auf den bewaffneten Kampf.
4. 1987: Gründung der Hamas als kämpfender Arm der Muslimbruderschaft in Palästina und der Ankündigung des „fortwährenden Dschihad“.

Die Hamas im Westjordanland entwickelte sich erkennbar anders, unter anderem, weil sie anfänglich kaum Aufsehen durch die Bildung oder Steuerung von öffentlichen Institutionen erregte. Die Muslimbruderschaft im Westjordanland bildete einen wesentlichen Bestandteil der Jordanischen Islamischen Bewegung, die sich einige Jahre mit dem Haschemitenregime verbündete. Zudem stellte die Muslimbruderschaft im Westjordanland eine höhere soziale Schicht – Kaufleute, Grundbesitzer und Beamte. Bis Mitte der achtziger Jahre nahm die Muslimbruderschaft wesentliche Positionen in den religiösen Institutionen des Westjordanlandes ein.
In der Zeit zwischen September 2000 und Mai 2003 wurden 1400 israelische Zivilisten Opfer von 27 Selbstmordanschlägen; 200 Menschen kamen dabei ums Leben. Weitere zwölf Selbstmordanschläge schlugen fehl. An öffentlichen Orten wie Einkaufspassagen, Tiefgaragen, Restaurants und Hochhäusern explodierten zahlreiche Sprengsätze. In der Regel ist die Zivilbevölkerung das Ziel von Hamas-Anschlägen. Nur wenige Anschläge gelten Einrichtungen der israelischen Armee.
Die im Rahmen eines Friedensplans für den Nahen Osten ausgehandelte Waffenruhe zwischen Israel, der Palästinensischen Autonomiebehörde und militanten islamistischen Gruppen fand schon nach zwei Monaten durch ein Attentat in Jerusalem ihr Ende, zu dem sich die Hamas bekannte.
Seit der am 8. Februar 2005 vereinbarten Waffenruhe hat die Hamas keine Attentate mehr selbst verübt, allerdings die Anschläge anderer Gruppen gerechtfertigt. So bezeichnete ein offizieller Sprecher der Hamas es als „Selbstverteidigung“, als sich am 17. April 2006 ein 15-Jähriger aus Dschenin vor einem Schnellimbiss in Tel Aviv in die Luft sprengte und dabei 8 Menschen tötete - über 60 Menschen wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt. Zu dem Anschlag bekannten sich sowohl die Gruppe Islamischer Djihad als auch die Al-Aksa-Brigaden der Fatah. Nach einem fehlgeleiteten israelischen Angriff auf ein Wohnviertel nahe Beit Hanun im Gazastreifen mit 24 Toten wurde die Waffenruhe am 8. November 2006 für beendet erklärt und angekündigt, wieder Anschläge in Israel durchzuführen.
Zur Erfüllung ihrer Ziele betätigt sich die Hamas besonders in jüngerer Zeit auch auf parteipolitischem Gebiet. So hat sie an den Wahlen am 25. Januar 2006 teilgenommen, bei denen sie auf Anhieb die absolute Mehrheit der Mandate erhielt und nach dem Rücktritt Ministerpräsident Ahmad Qurais (Fatah) mit der Regierungsbildung beauftragt wurde. Ein anderes Engagement im zivilen bzw. politischen Bereich stellt z.B. die Teilnahme an den Wahlen für die Handelskammer des Westjordanlandes dar. Nach dem Wahlsieg der Hamas hat US-Außenministerin Condoleezza Rice Palästinas Präsident Mahmud Abbas (Fatah) ihre Unterstützung zugesagt. Gleichzeitig erteilte Rice Gesprächen mit der Hamas eine Absage.
Ein wesentliches Problem bei der aktuellen Regierungsbildung stellt die Finanzierung der Staatsbeamten dar, da die palästinensische Regierung überwiegend von der EU und den USA finanziert wird, die Finanzierung seit der Regierungsübernahme der Hamas aber eingestellt wurde, weil die Hamas, obwohl demokratisch gewählt, von diesen nicht anerkannt wird.


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